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Wechsel des Blickwinkels

Schriftliche Informationen werden fast ausschließlich in der linken Hirnhälfte durch fokussierte Aufmerksamkeit verarbeitet. Hingegen wirken bildliche Informationen primär über die rechte Hirnhälfte, in der auch emotionale Assoziationen und entsprechende Bewertungen abgerufen werden. Sie werden parallel-synthetisch verarbeitet, was ihnen den Vorteil verschafft, dass sie im Vergleich zu Text wesentlich schneller und leichter verarbeitet werden können. Auf dem Gebiet der Datenvisualisierung versucht man, diesem Hintergrund Rechnung zu tragen. Man entwickelt Denkansätze zu der Frage, wie man mit der immer größer werdenden Flut an Informationen umgehen kann und wie man diese visuell erlebbar und somit leichter verstehbar machen kann.

Dabei werden Details der Ausgangsdaten weggelassen, die im Kontext der gewünschten Aussage vernachlässigbar sind. Zudem sind stets gestalterische Entscheidungen zu treffen, welche visuelle Umsetzung geeignet ist und welcher Zusammenhang gegebenenfalls betont werden soll. Visualisierungen implizieren daher stets eine Interpretation der Ausgangsdaten, werden aber auch durch textliche oder sprachliche Angaben ergänzt, um eine bestimmte Interpretation zu kommunizieren (Wikipedia)

Nun, was hat das ganze mit Kommunikationswissenschaft zu tun? Als sich Niklas Luhmann der funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft annahm und seine Theorie sozialer Systeme entwickelte, erhob er den Anspruch, mit seiner Theorie alle sozialen Phänomene in einen theoretischen Rahmen einbetten zu können. Ein derartiger Universalitätsanspruch erlaubt es Luhmann, sowohl die Gesellschaft als Ganzes, gesellschaftliche Teilbereiche (Funktionssysteme) als auch deren Elemente (z.B. Organisationen) mit Hilfe einer (!) Theorie zu beschreiben.

Luhmann spricht von sozialen Systemen, weil in seinen Augen das Verständnis unserer Gesellschaft Produkt der Gesellschaft selbst, genauer: der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung und -beschreibung ist. Die Gesellschaft ist also eine durch die Gesellschaft selbst konstruierte (Berghaus 2004: 18). Die Theorie sozialer Systeme ist demnach auch nichts anderes als Luhmanns “Interpretation einer Ausgangsdaten-Basis”, der Gesellschaft. Dass die Gesellschaft ein komplexes Gerüst darstellt, steht außer Frage. Ihre Komplexität stellt somit auch ein zentrales Element in Luhmanns Theorie dar: Systeme versuchen einerseits, durch systemeigene Handlungslogiken ihr Potential zu steigern. Damit verfolgen sie das Ziel, Komplexität zu reduzieren. Auf der anderen Seite bedeutet dies, dass Komplexität immer nur im Kontext einer bestimmten Problematik zu betrachten ist.

Machen wir das ganze an einem Beispiel fest: Eine Organisation stellt ein soziales System dar. Soziale Systeme operieren durch Kommunikation. Die Kommunikation an sich entscheidet nun darüber, was der Organisation zurechenbar ist und was nicht (Entscheidung!). Nehmen wir Apple (vgl. Brand Eins). Als die Entwickler 1981 am Apple Macintosh anfingen, zu arbeiten und das erste Ergebnis ablieferten, wurde der erste Entwurf von Apple-Mitbegründer Steve Jobs einzig und allein wegen des hässlichen Speicherchips niedergeschmettert. Über die Jahre hat sich die Firma schließlich zu einem Gesamtkunstwerk entwickelt. Die Kunst erstreckt sich heute nicht nur auf die Produkte selbst, sondern auf das ganze Unternehmen. Man kommunizierte von Anfang an, anders zu sein als alle anderen. So bekommt der Apple-Kunde den Eindruck, an etwas Rarem und Besonderem teilhaben zu können. Diese positiven Konnotationen mit dem Apfel-Logo verbreiten sich wie ein Lauffeuer und helfen Apple, einen großen Wurf nach dem anderen zu erzielen. Apple folgt einem roten Faden, einer bestimmten Handlungslogik – Innovation und Design. Durch diese Entscheidung grenzen sie ihre Organisation von anderen Unternehmen ab und positionieren sich am Markt. Alles, was nicht innovativ ist und vom ästhetischen Standpunkt gesehen keine Hochwertigkeit signalisiert, ist nicht Apple.

Organisationen bedienen sich also einer besonderen Form der Kommunikation – der Kommunikation von Entscheidungen. Damit reduzieren sie Komplexität. Und nichts anderes wird auch auf dem Gebiet der Datenvisualisierung betrieben. Vor dem Hintergrund, welche visuelle Umsetzung geeignet ist und welcher Zusammenhang betont werden soll, werden auch hier (gestalterische) Entscheidungen getroffen.

Ich will damit aufzeigen, dass zwei völlig unterschiedliche Dispziplinen trotz ihrer Unterschiedlichkeit in ihrer Herangehensweise Inspiration und Anregungen liefern können, neue Perspektiven und Blickwinkel zu einem gemeinsam behandelten Thema zu eröffnen. Ohne neue Perspektiven wird es auch nur schwerlich zu Erkenntnisfortschritten kommen. Oder um es in Aaron Koblins Worten zu formulieren: “We have to look at something ordinary in a new way to get extraordinary.”

Bild: aus dem Radiohead-Video “House-of-Cards”. Umsetzung Aaron Koblin.

 

Links zum Anwendungsgebiet “Datenvisualisierung”:

Quellen:

  • Berghaus, Margot (20042): Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag.

Ein Gedanke zu „Wechsel des Blickwinkels“

  1. Organisation ist Kommunikation ist Entscheidung. D’accord. Aber dadurch wird noch lange nicht Komplexität reduziert. Oder zumindest nicht als Ziel verfolgt.

    Vielmehr ist Komplexitätsreduktion ein notwendiges Übel. Eine Organisation ist ja immer genau das, was ihre Umwelt nicht ist. Umgekehrt ist die Umwelt damit viel mehr als die Organisation. Das Ziel ist also nicht Komplexitätsreduktion, die ohnehin stattfindet, sondern eine ausreichende Komplexität, um letztendlich überhaupt adäquat entscheiden zu können. Nicht zu einfach, nicht zu kompliziert, darum geht es.

    Stichwort: Requisite Variety.

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